Elke Rehder – Stefan Zweig Schachnovelle

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Stefan Zweig Schachnovelle - Bibliophile Ausgabe 2004

Bibliophile Ausgabe der Schachnovelle mit Holzschnitten von Elke Rehder. Freiburg im Breisgau, 2004. 108 Seiten. Format: 25 x 15,5 cm. (die Auflage ist vergriffen)

 

Einband der Schachnovelle

Den edlen Handeinband fertigte der Hamburger Buchbinder Thomas Zwang. Für die Blindprägung auf dem Einband wurde ein Messingklischee nach einem Holzschnitt von Elke Rehder angefertigt. Als Einbandmaterial wurde ein handgeschöpftes Papier der Berliner Papierwerkstatt Gangolf Ulbricht verwendet.  

Schachnovelle Stefan Zweig, signiertes und nummeriertes Buch mit Holzschnitten von Elke Rehder
seltenes Buch - Schachnovelle nummeriertes und signiertes Exemplar

 

Messingklischee

Von meinem Holzschnitt Nr. 6 aus der Serie von sechs Farbholzschnitten zur Schachnovelle wurde ein Klischee gefertigt. Für die Prägung auf dem handgeschöpften Papier von Gangolf Ulbricht wurde das Klischee aus Messing hergestellt. Messing ist eine harte Metalllegierung, härter als Kupfer und härter als die häufig hergestellten Magnesiumklischees. Bei diesem bibliophilen Buch wurde besonderer Wert auf eine kantenscharfe Prägung gelegt. 

Stefan Zweig Schachnovelle Messingklischee für die Prägung des signierten und nummerierten Buches
Original Messingklischee für die Blindprägung des Einbandes zur Schachnovelle

 

Text und Typografie der Schachnovelle

Diese bibliophile Ausgabe der Schachnovelle hat ein Format von 25 x 15,5 cm. Das Buch erschien 2004 in Freiburg im Breisgau. Der Abdruck des Textes folgt der Ausgabe von 1943 im Bermann-Fischer Verlag in Stockholm und unter Hinzuziehung der deutschen  Erstausgabe von 1942 im Verlag Pigmalión in Buenos Aires, Argentinien.

Das Buch hat 108 Seiten. Der Buchdruck sowie der Druck der sechs Holzschnitte von den Originalstöcken erfolgte in den Werkstätten der Fischbachpresse in Texing in Österreich. Der Typograf Lui Karner verwendete die von ihm entwickelte Schrift Rialto. Gedruckt wurde auf Feinpapier Alt Burgund edelweiß von Zerkall. Der Satz erfolgte nach Vorgaben von Ulrike Erber-Bader.

Schachnovelle Pressendruck 2004 Typografie Schrift Rialto Fischbachpresse Lui Karner
Typographische Gestaltung der Schachnovelle mit der Schrift Rialto von Lui Karner

 

Originalgrafik zur Schachnovelle

Die Holzschnitte erschienen erstmals 1996 in Handabreibung auf Japanpapier als Mappenwerk in der Elke Rehder Presse. 2004 wurden die Original-Druckstöcke auch für den Druck dieser bibliophilen Buchausgabe verwendet. Der Typograph, Drucker und Schriftsetzer Lui Karner in Texing hat die Holzschnitte in Abstimmung mit der Künstlerin in feinen Nuancen gedruckt. Die Auflage des Buches ist auf 100 Exemplare limitiert. Jedes Buch ist nummeriert und von der Künstlerin Elke Rehder im Impressum signiert.

Stefan Zweig Schachnovelle illustrierte Ausgabe 2004 nummeriert und signiert.
Farbholzschnitte der Künstlerin Elke Rehder von den Original Druckstöcken gedruckt von der Fischbachpresse Lui Karner in Texing, Österreich

 

Impressum der Schachnovelle

Der Abdruck des Textes erfolgte mit freundlicher Genehmigung des S. Fischer Verlags in Frankfurt am Main. Dieses Buch widmete Ulrike Erber-Bader den Teilnehmern an der 105. Jahresversammlung der Gesellschaft der Bibliophilen e.V. im Juni 2004 in Frankfurt am Main.

Stefan Zweig Schachnovelle Impressum nummeriert und signiert
Widmung für die Teilnehmer der Jahresversammlung der Gesellschaft der Bibliophilen e.V. im Juni 2004 in Frankfurt am Main

 

Meine Gedanken zur Schachnovelle

Von Erich Fitzbauer aus Wien habe ich vor vielen Jahren einige Originalzeichnungen von Hans Fronius zur Schachnovelle bekommen. Fronius illustrierte die Ausgabe im Bermann-Fischer Verlag, die 1949 in Stockholm erschien. Das kleinformatige Buch enthält 7 Illustrationen. Die Bilder zeigen den jungen Czentovic vor dem Schachbrett, eine Cafehaus-Szene, einen Dampfer auf See mit Möwen im Vordergrund, Dr. B. im Liegestuhl an Deck, eine Möwe fängt sich einen dicken Fisch, drei sitzende und zwei stehende Personen um einen Tisch und Dr. B. verlässt Czentovic nach der letzten Partie. Ich schätze den Künstler Hans Fronius sehr, doch hatte ich andere Vorstellungen von der bildnerischen Umsetzung der Schachnovelle. Bewusst vermied ich, das Buch erneut zu illustrieren. Mein Anliegen war es, die Idee hinter der Schachnovelle in Bildern darzustellen. Ich beschränkte mich daher schon in meiner 1996 erschienenen Grafikmappe auf die Entwicklungsgeschichte des Dr. B.

Die 1942 erschienene "Schachnovelle" trägt autobiographische Züge. Das nur 97 Seiten umfassende Werk ist so vielschichtig, dass ein wiederholtes Lesen immer wieder neue Aspekte aufzeigt. Zweig beschrieb meisterlich die psychologischen Vorgänge der Menschen. Da der Text der Schachnovelle bis heute in zahllosen Auflagen vorliegt und in fast alle Sprachen der Welt übersetzt wurde, möchte ich hier nur kurz die Kernaussage dieser Novelle wiedergeben:

Auf einem Ozeandampfer auf der Reise von New York nach Buenos Aires spielt der österreichische Emigrant Dr. B. (eine gewisse Seelenverwandtschaft zu Stefan Zweig ist hier zu vermuten), ein intelligenter, kreativer und sensibler Mensch, gegen den Schachweltmeister Czentovic. Der Leser erfährt in dieser Rahmennovelle die Geschichte des Dr. B., der von der Gestapo in Isolationshaft gehalten wurde, sich aber durch einen Zufall ein Buch mit Schach-Meisterpartien beschaffen konnte. Das geistige Nachspielen der Schachpartien ohne Brett schulte das Vorausdenken und Kombinieren und damit seine Widerstandskraft für die Gestapo-Verhöre. Somit konnte er die geistige und seelische Folter bestehen. Alsbald begann er jedoch in seiner Zelle gegen sich selbst zu spielen, was eine vollkommene Persönlichkeitsspaltung herbeiführte. Der innere Drang zu immer neuen und komplizierten Partien manifestierte sich in einer "Schachvergiftung". Diese Art der "Vergiftung" verursachte bei Dr. B. ein "Nervenfieber", das ihn zum Wahnsinn trieb und schlussendlich zu seiner Haftentlassung führte. 

Stefan Zweig Schachnovelle Holzschnitt 1 von Elke Rehder
Schachnovelle Holzschnitt 1

Textstelle - Zitat aus der Schachnovelle: "Jemand, der auf neun Züge im voraus ein Matt berechnen konnte, musste ein Fachmann ersten Ranges sein, …"
 

Stefan Zweig Schachnovelle  Holzschnitt 2 von Elke Rehder
Schachnovelle  Holzschnitt 2

Textstelle - Zitat aus der Schachnovelle: "Vielleicht, überlegte ich, könnte ich mir in meiner Zelle eine Art Schachbrett konstruieren und dann versuchen, diese Partien nachzuspielen; …"
 

 

Auf dem Ozeandampfer möchte Dr. B. herausfinden, ob sein Tun in der Zelle damals noch Schachspiel oder schon Wahnsinn gewesen ist. Dr. B. greift beratend in eine Schachpartie ein und erreicht hierdurch ein Remis gegen den Schachweltmeister Czentovic. Der Weltmeister gibt auf, indem er mit einer Handbewegung die Steine vom Schachbrett schiebt. Der gefühlskalte, berechnende Weltmeister spielt roboterhaft wie ein Automat und zeigt keine Gefühle. Ihm fehlen die geistigen Voraussetzungen für ein abstraktes Denken. Er ist nicht in der Lage, blind zu spielen und braucht die optische Wahrnehmung des Schachbrettes. Aus diesem Grund trägt er immer ein kleines Taschenschachspiel bei sich.

Holzschnitt 3 zur Schachnovelle von Stefan Zweig
Schachnovelle Holzschnitt 3

Textstelle - Zitat aus der Schachnovelle: "Die Umstellung war restlos gelungen: ich hatte das Schachbrett mit seinen Figuren nach innen projiziert …"
 

 

Holzschnitt 4 zur Schachnovelle von Stefan Zweig
Schachnovelle Holzschnitt 4

Textstelle - Zitat aus der Schachnovelle: "Ich war durch meine fürchterliche Situation gezwungen, diese Spaltung in ein Ich Schwarz und ein Ich Weiß zumindest zu versuchen, um nicht erdrückt zu werden von dem grauenhaften Nichts um mich."
 

Gegen seinen Willen wird Dr. B. zu einer zweiten Partie genötigt. Czentovic nutzt durch Ausreizen des Zeitlimits die psychischen Schwächen seines Gegenspielers aus. In den Wartezeiten beginnt Dr. B. damit, in seinem Geiste imaginäre Spielsituationen zu simulieren. Die Folge ist eine "Schachvergiftung" wie in seiner früheren Isolationshaft. Bevor ein aufkommendes "Schachfieber" seinen Zusammenbruch verursachen kann, gibt Dr. B. die Partie auf. Czentovic, dessen geistiger Horizont über die 64 Felder des Schachbrettes nicht hinauszugehen scheint, triumphiert in dem Schluss-Satz: "Der Angriff war gar nicht so übel disponiert. Für einen Dilettanten ist dieser Herr eigentlich ungewöhnlich begabt".

Holzschnitt 5 zur Schachnovelle von Stefan Zweig
Schachnovelle Holzschnitt 5

Textstelle - Zitat aus der Schachnovelle: "… ich fieberte als Ich Schwarz nach jedem Zuge, was das Ich Weiß nun tun würde."

Holzschnitt 6 zur Schachnovelle von Stefan Zweig
Schachnovelle Holzschnitt 6

Textstelle - Zitat aus der Schachnovelle: "…dass ich durch das selbständige Ersinnen von Partien mit einemmal den Boden unter den Füßen verlor und ins Bodenlose geriet."

 

Sensibilität und differenzierte Intelligenz unterliegen. Dies ist auch das Schicksal vieler Intellektueller im Dritten Reich, die sich vor der Vernichtung nur durch Flucht in die Emigration retten konnten.

Zweig warnt mit seiner Novelle vor der Gefährdung des freiheitlich humanistischen Geistes durch die Gewalt. Zweig selbst fand die Schachnovelle "zu abstrakt für das große Publikum". Vielleicht war dies auch der Grund dafür, dass 1942 die Schachnovelle bei Pigmalión in Buenos Aires in einer Auflage von nur 250 nummerierten Exemplaren als Broschüre und bei János Peter Kramer in Buenos Aires in einer Auflage von 50 römisch nummerierten und in Leinen gebundenen Exemplaren veröffentlicht wurde.

Die Isolation als Mittel der psychischen Gewalt kann genauso grausam sein wie physische Gewalt. Auch für Zweig war die Emigration eine große psychische Belastung. Dr. B. wird nie wieder an ein Schachbrett zurückkehren können und Zweig glaubte, nie wieder das freiheitliche Europa wiederzusehen. Das Spiel ist aus und für immer erledigt. Für Dr. B. wie für Zweig wird es keinen Ausweg geben, beide sind Opfer.

In der Nacht vom zum 23. Februar 1942 begingen Stefan Zweig und seine Frau Lotte Selbstmord durch Einnahme einer Überdosis Veronal. Laut Sterbeurkunde trat bei Stefan Zweig der Tod am Montag, den 23. Februar um 12:30 Uhr ein. Hier folgt der Text, den Stefan Zweig in seinem Abschiedsbrief fein säuberlich handschriftlich verfasst hat: 

"Ehe ich aus freiem Willen und mit klaren Sinnen aus dem Leben scheide, drängt es mich eine letzte Pflicht zu erfüllen: diesem wundervollen Lande Brasilien innig zu danken, das mir und meiner Arbeit so gute und gastliche Rast gegeben. Mit jedem Tag habe ich dies Land mehr lieben gelernt und nirgends hätte ich mir mein Leben vom Grunde aus neu aufgebaut, nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich selber vernichtet.
Aber nach dem sechzigsten Jahre bedürfte es besonderer Kräfte um noch einmal völlig neu zu beginnen. Und die meinen sind durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft. So halte ich es für besser, rechtzeitig und in aufrechter Haltung ein Leben abzuschließen, dem geistige Arbeit immer die lauterste Freude und persönliche Freiheit das höchste Gut dieser Erde gewesen.
Ich grüsse alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.

Stefan Zweig
Petrópolis, 22. II. 1942"

 

"Sechs Illustratoren, ein Text - „Schachnovelle" -

von Siegfried Schönle

Zitat des Abschnittes

2004 - Elke Rehder: Tradition mit Ausdruck - sechs Holzschnitte

Stefan Zweig Schachnovelle. © Ulrike Erber-Bader, Freiburg/Br.
Das Buch widmet U. Erber-Bader den Teilnehmern an der 105. Jahresversammlung der Gesellschaft der Bibliophilen e.V. Frankfurt/M., Juni 2004.
Mit 6 Holzschnitten von Elke Rehder.

>> Ein Kreis im Essay schließt sich mit den Illustrationen Elke Rehders (arbeitet in Barsbüttel), da diese sich bewusst von Hans Fronius abgrenzt:

"Ich schätze den Künstler Hans Fronius sehr, doch hatte ich andere Vorstellungen von der bildnerischen Umsetzung der Schachnovelle [...]. Mein Anliegen war es, die Idee hinter der Schachnovelle in Bildern darzustellen [...]."

Mit beeindruckenden Holzschnitten bereichert Rehder dieses kleine Spektrum zu Illustrationen der Schachnovelle (Abb.).** Auf dem Deckel des schönen Buches befindet sich diese Illustration, die letzte der ganzseitig abgedruckten, als blindgeprägter Druck wieder.

Allein die Anordnung der Holzschnitte im Textverlauf der Novelle zeigt eine – auf den Schluss hin angelegte – Dynamisierung, die mit der immer dramatischer werdenden psychischen Situation Dr. B.'s korrespondiert. Der Leser sieht stets ganzseitig montierte Illustrationen in den Farben Schwarz und Gelb.

Auch in dem Buch von Erber-Bader ist die "Schachvergiftung" Dr. B.'s der Knoten, der Text und Illustration verbindet. Die stark stilisierte Figur des in der Zelle stehenden Häftlings ist umgeben von drei Schach-Flächen. Kein Zellenfenster erlaubt Sicht nach draußen, alles ist Schach und scheint völlig "vergiftet" zu sein. Individuelle Züge sind nicht erkennbar, Angst und Entsetzen lassen sich mit einer so stark stilisierten Figur mimisch nicht ausdrücken. Eine ausweg- und hoffnungslose Situation beendet die Reihe der Illustrationen, schlicht, jedoch mit intensiver Ausstrahlung. Ist dies das Ende der "Entwicklung" Dr. B.'s, die die Künstlerin ja in ihren Schnitten zeigen will? Nein, da die gewählten Farben eine zusätzliche Interpretation erlauben. Zwei Empfindungen zur Farbe Gelb verdeutlichen dies: Goethe beschreibt in seiner Farbenlehre Gelb als heitere und muntere Farbe mit einem behaglichen Eindruck. Kandinsky beunruhigt diese Farbe, weil sie frech und aufdringlich das Gemüt bestimme.

Sieht man das Gelb in Dr. B.'s Zelle positiv (Sonnenlicht, Leben) an, dann ist der krankhafte Zustand nicht das Ende der "Entwicklung", sondern Hoffnung scheint auf. Dr. B. ist eingehüllt in Gelb, als sei er immer noch umgeben von einem positiven Lebenswillen, der den Qualen der Isolationshaft widerstehen kann. Dr. B. wird seine Zelle mit dem zugemauerten Fenster verlassen können, erlebt und lebt wieder im Sonnenlicht.<<

** Die Abb. entstammt dem 9. Druck der Elke Rehder Presse: Stefan Zweig - Schachnovelle. Mappe mit 6 num u. sign. Farbholzschnitten auf Einzelblättern. Handgearbeitete Kartonmappe, 11 Bl.

Zuerst abgedruckt in: KARL. Das kulturelle Schachmagazin, 1/2010.

 

Zitate aus der Schachnovelle von Stefan Zweig

hier folgen Zitate aus der Schachnovelle von Stefan Zweig, die mir persönlich sehr gut gefallen:

"Das Attraktive des Schachs beruht doch im Grunde einzig darin, dass sich seine Strategie in zwei verschiedenen Gehirnen verschieden entwickelt, dass in diesem geistigen Krieg Schwarz die jeweiligen Manöver von Weiß nicht kennt und ständig zu erraten und zu durchkreuzen sucht, während seinerseits wiederum Weiß die geheimen Absichten von Schwarz zu überholen und parieren strebt. Bildeten nun Schwarz und Weiß ein und dieselbe Person, so ergäbe sich der widersinnige Zustand, dass ein und dasselbe Gehirn gleichzeitig etwas wissen und doch nicht wissen sollte, dass es als Partner Weiß funktionierend, auf Kommando völlig vergessen könnte, was es eine Minute vorher als Partner Schwarz gewollt und beabsichtigt. Ein solches Doppeldenken setzt eigentlich eine vollkommene Spaltung des Bewusstseins voraus, ein beliebiges Auf- und Abblendenkönnen der Gehirnfunktion wie bei einem mechanischen Apparat; gegen sich selbst spielen zu wollen, bedeutet also im Schach eine solche Paradoxie, wie über seinen eigenen Schatten zu springen."

...

"Ich wusste wohl aus eigener Erfahrung um die geheimnisvolle Attraktion des "königlichen Spiels", dieses einzigen unter allen Spielen, die der Mensch ersonnen, das sich souverän jeder Tyranis des Zufalls entzieht und seine Siegespalmen einzig dem Geist oder vielmehr einer bestimmten Form geistiger Begabung zuteilt. Aber macht man sich nicht bereits einer beleidigenden Einschränkung schuldig, indem man Schach ein Spiel nennt? Ist es nicht auch eine Wissenschaft, eine Kunst, schwebend zwischen diesen Kategorien wie der Sarg Mohammeds zwischen Himmel und Erde, eine einmalige Bindung aller Gegensatzpaare; uralt und doch ewig neu, mechanisch in der Anlage und doch nur wirksam durch Phantasie, begrenzt in geometrisch starrem Raum und dabei unbegrenzt in seinen Kombinationen, ständig sich entwickelnd und doch steril, ein Denken, das zu nichts führt, eine Mathematik, die nichts errechnet, eine Kunst ohne Werke, eine Architektur ohne Substanz und nichts desto minder erwiesenermaßen dauerhafter in seinem Sein und Dasein als alle Bücher und Werke, das einzige Spiel, das allen Völkern und allen Zeiten zugehört und von dem niemand weiß, welcher Gott es auf die Erde gebracht hat, um die Langeweile zu töten, die Sinne zu schärfen, die Seele zu spannen. Wo ist bei ihm Anfang und wo das Ende? Jedes Kind kann seine ersten Regeln erlernen, jeder Stümper sich in ihm versuchen, und doch vermag es innerhalb dieses unveränderbar engen Quadrats, eine besondere Spezies von Meistern zu erzeugen, unvergleichlich allen andern, Menschen mit einer einzig dem Schach zubestimmten Begabung, spezifische Genies, in denen Vision, Geduld und Technik in einer ebenso genau bestimmten Verteilung wirksam sind wie im Mathematiker, im Dichter, im Musiker, und nur in anderer Schichtung und Bindung."

...

"Damit war mein Tag, der sich sonst wie Gallert formlos dehnte, ausgefüllt, ich war beschäftigt, ohne mich zu ermüden, denn das Schachspiel besitzt den wunderbaren Vorzug, durch Bannung der geistigen Energien auf ein eng begrenztes Feld selbst bei anstrengendster Denkleistung das Gehirn nicht zu erschlaffen, sondern eher seine Agilität und Spannkraft zu schärfen. Allmählich begann bei dem zuerst bloß mechanischen Nachspielen der Meisterpartien ein künstlerisches, ein lusthaftes Verständnis in mir zu erwachen. Ich lernte die Feinheiten, die Tücken und Schärfen in Angriff und Verteidigung verstehen, ich erfasste die Technik des Vorausdenkens, Kombinierens, Ripostierens und erkannte bald die persönliche Note jedes einzelnen Schachmeisters in seiner individuellen Führung so unfehlbar, wie man Verse eines Dichters schon aus wenigen Zellen feststellt; was als bloß zeitfüllende Beschäftigung begonnen, wurde Genuss, und die Gestalten der großen Schachstrategen, wie Aljechin, Lasker, Bogoljubow, Tartakower, traten als geliebte Kameraden in meine Einsamkeit. Unendliche Abwechslung beseelte täglich die stumme Zelle, und gerade die Regelmäßigkeit meiner Exerzitien gab meiner Denkfähigkeit die schon erschütterte Sicherheit zurück: ich empfand mein Gehirn aufgefrischt und durch die ständige Denkdisziplin sogar noch gleichsam neu geschliffen. "

...

"Und da ich nichts anderes hatte als dies unsinnige Spiel gegen mich selbst, fuhr meine Wut, meine Rachelust fanatisch in dieses Spiel hinein. Etwas in mir wollte Recht behalten, und ich hatte doch nur dieses andere Ich in mir, das ich bekämpfen konnte; so steigerte ich mich während des Spiels in eine fast manische Erregung."

...

"Ich war durch meine fürchterliche Situation gezwungen, diese Spaltung in ein Ich Schwarz und ein Ich Weiß zumindest zu versuchen, um nicht erdrückt zu werden von dem grauenhaften Nichts um mich."

 

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