Elke Rehder – Stefan Zweig Schachnovelle

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(Diese Seite wurde am 5. Dezember 2013 veröffentlicht. Letzter Stand der Aktualisierung: 27. Mai 2015)

 

Die Suche nach dem verschollenen Typoskript der Schachnovelle von Stefan Zweig

 

Stefan Zweig Schachnovelle erste deutsche Ausgabe Buenos Aires Pigmalion 1942

Einbanddeckel der Schachnovelle, Buenos Aires, Verlag Pigmalión, 1942

 

Vier Typoskripte
Stefan Zweigs Frau Lotte tippte auf der mechanischen Schreibmaschine in ihrem gemeinsamen Haus in Petrópolis die Reinschrift des Textes der Schachnovelle. Für die drei geplanten Durchschläge verwendete sie das damals übliche Kohlepapier. Mit dem Original-Typoskript und den drei Durchschlägen entstanden vier maschinengeschriebene Exemplare, die Stefan Zweig nachträglich noch handschriftlich änderte. Seine Korrekturen und Ergänzungen waren je Exemplar unterschiedlich.

 

Verlag Guanabara
Von den vier Typoskripten ging eines an Zweigs brasilianischen Verleger in das wenige Kilometer entfernte Rio de Janeiro. Abraham Koogan (geboren 1912 in Russland – verstorben 2000 in Rio de Janeiro) und sein Schwager Nathan Waissman (1897 - 1953) waren Inhaber der dortigen  Verlagsbuchhandlung Guanabara. Die Erstausgabe der Schachnovelle erschien im September 1942 in brasilianischem Portugiesisch im Verlag Editora Guanabara in Rio de Janeiro. Der Titel des Sammelbandes lautet: "As três paixões" (Drei Leidenschaften). Format 22 cm. 213 gezählte Seiten. Hellgrauer Ganzleinenband mit goldener Titelprägung und Verlagssignet "EG" auf dem Einbanddeckel. Blaues Rückentitelschild und ornamentale Rückenvergoldung. Das Buch enthält die drei Novellen "A partida de Xadrez" (Schachnovelle), "Divida tardiamente paga" (Die spät bezahlte Schuld) und "Seria ele?" (War er es?). Die Übersetzer waren Odilon Gallotti (nur Schachnovelle) und Elias Davidovich.

Das Original dieses Typoskripts befindet sich heute in der Sammlung der Reed Library, State University of New York in Fredonia. Es wurde von der in London lebenden Zweig Erbin Eva Alberman (dies ist die Nichte von Lotte Zweig) in die Sammlung gegeben.

 

Verlag Bermann Fischer
Ein Typoskript wurde an die New Yorker Adresse von Zweigs Verleger Gottfried Bermann Fischer (1897 in Oberschlesien - 1995 in der Toskana) gesandt, der im Juni 1940 aus Stockholm fliehen musste. 1943 erschien die Buchausgabe mit 117 Seiten in einer ersten Massenauflage von 5000 Exemplaren im Exilverlag von Bermann-Fischer in Stockholm. Eine zweite Auflage von 6000 Exemplaren erschien 1945 im selben Verlag. Im Jahre 1949 erschien eine illustrierte Ausgabe von 8000 Exemplaren ebenfalls bei Bermann-Fischer. Diese Ausgabe hat 183 Seiten und ist mit Zeichnungen des österreichischen Künstlers Hans Fronius illustriert.

Das Original dieses Typoskripts befindet sich heute in der Lilly Library, Indiana University, Bloomington, im US Bundesstaat Indiana. Dieses Typoskript vom 21. Febr. 1942 hat insgesamt 63 einseitig mit Schreibmaschine beschriebene Blätter (62 nummerierte plus ein doppelt gezähltes Blatt). Der Durchschlag wurde mittels Kohlepapier erstellt.

 

Verlag Viking Press
Ein weiteres Typoskript wurde an die New Yorker Adresse von Zweigs Freund und Verleger Benjamin W. Huebsch (1893-1964) gesandt. Huebsch arbeitete in leitender Stellung beim Verlag Viking Press (Viking gehört heute zur Penguin Gruppe). In New York übersetzte B. W. Huebsch die Schachnovelle und gab ihr den Titel "The Royal Game" (das königliche Spiel). Die englischsprachige Ausgabe erschien erst im April 1944 in New York bei "Viking Press" und etwas später im Februar 1945 in London bei "Cassell and Company". Beide Ausgaben enthalten zusätzlich die Titel  "Amok" ("Der Amokläufer")  und "Letter from an Unknown Woman" ("Brief einer Unbekannten"), dies sind Übertragungen aus dem Sammelband "Amok. Novellen einer Leidenschaft" aus dem Leipziger Insel Verlag von 1922.

Das Original dieses Typoskripts befindet sich heute in der Library of Congress in Washington, Sammlung B. W. Huebsch papers / Miscelany  / Container Box 41 / Literary manuscripts.

http://lcweb2.loc.gov/service/mss/eadxmlmss/eadpdfmss/2013/ms013087.pdf

 

Stefan Zweig mit seiner Frau Lotte Zweig an der Schreibmaschine in Petrópolis in Brasilien 1941
Lotte Zweig an der Schreibmaschine in Petrópolis Brasilien © arquivo Casa Stefan Zweig

 

Alfredo Cahn

Das vierte Typoskript wurde an Zweigs Freund und Übersetzer Alfredo Cahn in Buenos Aires gesandt. Alfredo Cahn als Alfred Kahn am 28. Oktober 1902 in Zürich geboren,  verstorben am 19. Juli 1975 in  Rio Ceballos in der Provinz Córdoba in Argentinien. Er war Schweizer jüdischer Herkunft, studierte in Spanien und wanderte 1924 gemeinsam mit seiner damaligen spanischen Freundin Maria Costa nach Argentinien aus. Er war als Übersetzer, Kritiker, Literaturagent und Literaturwissenschaftler tätig. Als Redakteur arbeitete er auch für die Zeitung Argentinisches Tageblatt. Die Zeitung erscheint noch heute in deutscher Sprache in einer Auflage von 10.000 Exemplaren. Die Zeitung ist seit der Gründung durch Johann Alemann im Jahr 1874 im Familienbesitz. Herausgeber sind jetzt Juan und Roberto Alemann. Chefredakteur ist Stefan Kuhn. Cahn zog 1957 in die Nähe der Stadt Córdoba und arbeitete dort als Professor für deutsche Literatur an der Universidad Nacional de Córdoba.

1940 organisierte Cahn für Stefan Zweig eine literarische Tour durch Argentinien. Für Stefan Zweig übersetzte Alfredo Cahn 20 Werke ins Spanische. 1942 veröffentlichte Cahn mit Hilfe der Buchhändlerin Lili Lebach im Verlag Pigmalión die Schachnovelle. Im selben Jahr schrieb Cahn den Nekrolog: Stefan Zweig - ein Nachruf. Buenos Aires. Die kleine Broschüre enthält eine Bibliographie von Cahns bis dato veröffentlichten Werken (1 Bl.), 8 ungezählte Blätter. Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt am Main (DNB) - Deutsches Exilarchiv Signatur EB KS 809. Unter anderem sind in Frankfurt folgende von Cahn übersetzte Werke vorhanden:

Folgende Werke kann ich zur weiteren Information über das Leben und Werk von Alfredo Cahn empfehlen:

Die Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt a. M. konnte einen Teil des Nachlasses von Alfredo Cahn erwerben (Archiv Alfredo Cahn / Signatur Nr. EB 2001/066). Das Archiv enthält: Korrespondenz, u. a. mit Vicki Baum, Max Brod, Ernst Cassirer, Alfred Döblin, Hilde Domin, Albert Einstein, Richard Friedenthal, Hermann Hesse, Hermann Kesten, Annette Kolb, Emil Ludwig, Alma Mahler-Werfel, Heinrich Mann, Thomas Mann, Robert Neumann, Anna Seghers, Adrienne Thomas, Kurt Tucholsky, Fritz von Unruh, Antonina Vallentin und Friderike Maria Zweig; Übersetzungen Alfredo Cahns; Lebensdokumente, u. a. Verlagsverträge; Manuskripte und Typoskripte, u. a. von Emil Ludwig, Heinrich Mann und Paul Zech. - Mit umfangreicher Sammlung zu Stefan Zweig.

Alfredo Cahn übersetzte u. a. auch für die "Freie Deutsche Bühne" (F. D. B.). P. Walter Jacob (eigentlich Paul Walter Jacob, 1905-1977) gründete das Theater 1940 und leitete es zehn Jahre lang. Es war die einzige ständig spielende, deutschsprachige Bühne in Südamerika.

 

Lili Lebach

Es gibt heute wohl kaum noch Zeitzeugen, die 1942 an der Herstellung der ersten deutschsprachigen Ausgabe der Schachnovelle beteiligt waren. Auch befreundete Buchhändler, die Lili Lebach gut kannten, sind meist schon verstorben (Der Buchhändler Isay Klasse ist 2011 verstorben). Zu den wenigen noch lebenden Personen, die mit Lili Lebach eng zusammengearbeitet haben, gehört der Schriftsteller und Literaturdozent Alberto Manguel. Er arbeitete als Teenager in den Sommerferien von 1964 bis 1968 in der Buchhandlung Pigmalión und beschreibt die Buchhandlung als Treffpunkt der Liebhaber deutscher und englischer Literatur und seine dortige Begegnung mit Jorge Luis Borges.

Kurze chronologische Zusammenstellung der Publikationen von und über Fräulein Lili Lebach:

1933 - Eleonore Stockhausen, Guido Rotthoff: Krefelder Juden. Röhrscheid, 1981, 424 Seiten. "Lebach, Lili geboren 16.4.1911 in  Wuppertal-Elberfeld. Beruf: Vertreterin, Ort: Krefeld, Südwall 6 (zugezogen 1.7.1933), abgemeldet 13.12.1933 nach Wuppertal-Sonnborn."

1942  - am 8. Juli wurde die Buchhandlung Pigmalión in der angesehenen und beliebten Geschäftsstraße Avenida Corrientes Nr. 515 eröffnet. Das Geschäft startete mit einem für die damalige Zeit außergewöhnlich großen und qualitativ hochwertigem Angebot an englisch- und deutschsprachiger Literatur.

1942 - am 7. Dezember veröffentlichte die vor wenigen Monaten gegründete Verlagsbuchhandlung die erste deutschsprachige Ausgabe der "Schachnovelle"; bitte lesen Sie hierzu im nächsten Abschnitt "Verlag Pigmalión  und János Peter Kramer".

1943 - erschien bei Pigmalión ein Buch von Newton Freitas unter dem Titel "Maracatú: motivos típicos y carnavalescos". Das Buch ist von dem Künstler "Carybe" illustriert. Ich danke Herrn Roland Jaeger in Hamburg für den Hinweis auf diese seltene Publikation. http://www.rolandjaeger.online/

1955 - Auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Buchhandlung Librería Pigmalión (Av. Corrientes 515) war die Bar Helvética, auch "La Helvética" genannt, in der Avenida Corrientes 502 an der Ecke San Martín. Die Bar Helvética wurde 1860 eröffnet. Inhaber war Angel Morini. Es war ein traditionsreiches Restaurant, in dem es auch eine große Auswahl internationaler Spirituosen gab.  Dies war ein bevorzugter Treffpunkt von Journalisten, Politikern, Schriftstellern und Würdenträgern.  Ernesto Sabato nannte es "einen heiligen Ort". 1955 wurde das Restaurant aus politischen Gründen stark beschossen und fast zur Hälfte zerstört. Das Inventar wurde 1958 in einer Auktion versteigert.

1956 - Hermann Weyl: Maimonides (Ein Gedenkbuch), 1956. Dr. Julius Kaufmann, Solomon Kerstein (Bloch Publishing Co.), Gross Rabbiner Dr. German Klein, Dr. Carlos Kost, Adolfo Krojanker, Miguel Lejbowicz und Fräulein Lili Lebach (kurze Erwähnung).

1963 - Im Juli wurde die Gesellschaftsform in LIBRERIA Y EDITORIAL PIGMALION S. R. L. geändert mit den Anteilseignern Lili Lebach, Walter Lebach und Ilse Lebach verheiratete Dessau.

1965 - H. Huber und Günter Schulz: Transparente Welt - Festschrift zum sechzigsten Geburtstag von Jean Gebser" 1965 mit kurzer Erwähnung des Namens von Lili Lebach in Buenos Aires.

1970er Jahre - Kurze Beschreibung von Sigfried Taubert von seinem Besuch in Buenos Aires bei Lili Lebach und dem Ehepaar Carlos Hirsch und Frau (heute: Oficina del Libro Internacional - Carlos Hirsch,  Buenos Aires) in: Sigfried Taubert: Mit Büchern die Welt erlebt. Hauswedell, 1992.

1971 - Adressbuch des deutschen Buchhandels. Buchhändler-Vereinigung, Frankfurt a. M. 1971, Abschnitt Argentinien / Buenos Aires: Pigmalión S.R.L. Libreria y Editorial, Corrientes 515, Sort. Inh. Lili Lebach, Gegr. 8.7.1942, s. a. Abt. 1 v. D., Hako Hbg. CH: BZ Olten

1972 - Revista Del Río de la Plata, Band 152, 1972. Pigmalión S.R.L. 30th Anniversary. Die lokale Tageszeitung macht einen kurzen Bericht zum 30jährigen Bestehen der Buchhandlung Pigmalión und eine kurze Bemerkung zur Inhaberin Lili Lebach.

1979 - wurde die Buchhandlung Pigmalión S.R.L. Libreria y Editorial geschlossen, weil das Gebäude in der Avenida Corrientes 515 abgerissen wurde.
 
 

Die deutschsprachige Erstausgabe in den Verlagen Pigmalión und János Peter Kramer

In Buenos Aires trafen sich Exil-Deutsche in der von Lili Lebach am 8. Juli 1942 eröffneten Buchhandlung Pigmalión in der Avenida Corrientes Nr. 515. Lili Lebach wurde von ihren Zeitgenossen als energiegeladene und dynamische Person beschrieben. In kurzer Zeit hatte sie ein gutes Sortiment deutsch- und englischsprachiger Bücher in ihrem Geschäft. Vermutlich gehörte auch Alfredo Cahn zu den  Besuchern der Librería Pigmalión (wie später auch Jorge L. Borges). Nachdem die Erstausgabe der Schachnovelle in Brasilien erschienen war (siehe oben Verlag Guanabara), bemühte man sich in Buenos Aires, die erste deutschsprachige Ausgabe zeitnah herauszugeben, und zwar vor den anderen Verlagen in New York, London und Stockholm. 

Im Dezember 1942 erschienen 250 arabisch nummerierte Exemplare der Schachnovelle bei Pigmalión als Broschur (Abbildung der Einbandes siehe auf dieser Seite oben). Das Buch hat 97 Seiten. Auf dem Titelblatt steht am unteren Rand  "Verlag Pigmalión BS. Aires" (nicht Pygmalion, wie häufig unrichtig zitiert wird). Zahlreiche Exemplare wurden mit einem Klebeetikett der Librería Pigmalión auf dem vorderen Innendeckel der Broschüre versehen. 

Zusätzlich zur Ausgabe bei Pigmalión wurden 50 Exemplare von János Peter Kramer verlegt. Auf dem Titelblatt steht am unteren Rand "Verlag Janos Peter Kramer, Buenos Aires".

Beide Ausgaben enthalten auf dem Titelblatt die Jahreszahl in römischen Ziffern MCMXLII. Auf Seite (8) ist folgende Bemerkung gedruckt: “Das Original dieses Buches wurde vom Verfasser wenige Stunden vor dessen Tod seinem Freund und Uebersetzer Alfredo Cahn zugeschickt und erscheint als Liebhaberdruck in einer nummerierten Auflage. Fünfzig Exemplare in Leinen gebunden tragen die Nummern I bis L, zweihundertfünfzig Exemplare auf Offset C Papier gedruckt tragen die Nummern 1 bis 250."

Beide Ausgaben enthalten den folgenden Druckvermerk am Ende des Buches: "Gedruckt und fertiggestellt in den Werkstätten der Compañía Fabril Financiera, Iriarte 2035, Buenos Aires, am 7. Dezember 1942."  In Südamerika ist das Unternehmen unter dem kurzen Namen "La Fabril"  bekannt. Gegründet wurde die Firma 1888 von Antonio Devoto (geboren 1832 in Italien - verstorben 1916 in Buenos Aires) als "Compañía General de Fósforos",  als Zündholzfabrik. 1904 kamen eine Papierfabrik und eine Druckerei hinzu. Die Produktion von Spielkarten wurde aufgenommen. In Uruguay wurde eine Tochtergesellschaft gegründet. 1913 folgten Ölwerke für Rizinusöl und Baumwollöl. Devoto unterstützte Italien im Ersten Weltkrieg und wurde dafür von Italien zum Grafen ernannt. Er steuerte auch die Banco de Italia y Río de la Plata, damals eine der reichsten Privatbanken Südamerikas. 1920 begann der Einstieg in die Textilindustrie. 1929 wurde die Aktiengesellschaft "Compañía General Fabril Financiera S.A." gegründet, eine Holding (Dachgesellschaft), welche die verschiedenen Projekte der Textilindustrie und Grafikwerkstätten international organisierte. Der Druck von Spielkarten und der Export von Textilien war ein einträgliches Geschäft. Papierindustrie (Zellulose),  internationale Chemische Industrie (Farben etc.),  Immobilien und Verlagsbranche kamen hinzu.

János Peter Kramer  János Peter Kramer wurde 1904 in Nürnberg geboren und kam im Alter von 25 Jahren am 6. April 1929 mit dem Schiff aus Hamburg in Buenos Aires an. Bis Ende 1929 war er für kurze Zeit als Privatsekretär für die 1887 in Wien geborene Komponistin und Chembalistin Alice Ehlers tätig. Ehlers war eine großartige Bach Interpretin. Sie war mit Albert Schweitzer befreundet. Sie verstarb 1981 in Los Angeles in den USA. Seit Mai 1932 war Kramer dann als Buchhändler, Galerist und Verleger tätig. Er handelte mit Gemälden, Tapisserien und bibliophilen Büchern und war zusätzlich auch als Verleger schöngeistiger Literatur und Kunstbücher tätig. Kramer hatte gute Beziehungen zu einflussreichen jüdischen Geschäftsleuten in Buenos Aires. Kramer soll auch mit Ricardo Hirsch befreundet sein, der wiederum ein freundschaftliches Verhältnis zu Stefan Zweig hatte. 1940 traf sich Kramer mit Stefan Zweig und seiner Frau Lotte anlässlich der von Alfredo Cahn organisierten Vortragsreise.

Die gebildete Bevölkerungsschicht in Argentinien, nicht nur die Exilanten, dürsteten nach fremdsprachlicher Literatur. Infolge der Besetzung Frankreichs durch deutsche Truppen, war auch der Export von Büchern bestimmter Schriftsteller schwierig geworden. Kramer hatte eine besondere Vorliebe für Lyrik. Insbesondere in den Kriegsjahren war Kramer als Verleger von Buchausgaben in französischer Sprache sehr aktiv. Wie auch Lili Lebach leistete Kramer einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur kulturellen Entwicklung in Argentinien.

Zum Thema "Raubdruck" von Kramer
Ob János Peter Kramer immer alle rechtlichen Legitimationen für seine Buchveröffentlichungen besaß bzw. ob Verletzungen von Urheberrechten erfolgten, habe ich nicht geprüft. Ich gehe jedoch davon aus, dass dies aufgrund seiner Kontakte mit Verlegern in London und Paris keiner tiefgehenden Untersuchung bedarf. Eine Tatsache ist, dass Kramer sich immer gern an bereits erschienenen Publikationen bedient hat bzw. im Falle der "Schachnovelle" beteiligt hat. Ich mache diese Bemerkung nur aus dem Grunde, weil sich bis heute immer noch hartnäckig das Gerücht hält, welches die erste deutschsprachige Ausgabe bei Kramer als "Raubdruck" vermutet. Ein "Raubdruck" kann es meiner Meinung nicht sein, weil die Rechtmäßigkeit der Ausgabe von 50 römisch nummerierten Exemplaren im Druckvermerk der Pigmalión Ausgabe und auch in gleicher Weise bei János Peter Kramer identisch im Druckvermerk steht. Eine fachliche Beurteilung beider Ausgaben im Vergleich durch Dr. Frieder Schmidt, Deutsche Nationalbibliothek, Deutsches Buch- und Schriftmuseum / Kultur- und Papierhistorische Sammlungen in Leipzig hat eindeutig eine identische Papierqualität und auch eine identische Druckqualität ergeben. Viele können sich vielleicht nicht vorstellen, dass zwei Verlage sich eine Auflage teilen. Dies kommt auch noch heutzutage bei Kleinverlagen vor. Ein weiteres Indiz gegen die mögliche "Raubkopie"-Vermutung ist, dass alle weltweit bisher aufgetauchten Ausgaben mit römischer Nummerierung bei Kramer verlegt wurden. Es gibt bis jetzt kein einziges nachgewiesenes Exemplar aus dem Pigmalión Verlag, das römisch nummeriert ist.

1938 erschien bei Kramer in Buenos Aires in Zusammenarbeit mit Allen & Unwin in London die spanischsprachige Phaidon-Ausgabe "Las Pinturas del Greco" von Ludwig Goldscheider zur Malerei von El Greco. 

1940 traf Kramer sich mit Stefan und Lotte Zweig anlässlich der von Alfredo Cahn organisierten Vortragsreise in Buenos Aires.

1941 Rainer Maria Rilke: Lettres à un jeune poète. János Peter Kramer, Éditeur. Auflage: 500 nummerierte Exemplare (die erste französische Buchausgabe erschien 1937 bei Bernard Grasset in Paris)

1943 Jacob Burckhardt: Réflexions sur l'histoire du monde (Weltgeschichtliche Betrachtungen). Buenos Aires : János Peter Kramer, (1943)

1943 François Villon: Oeuvres poétiques. Buenos Aires;J ános Peter Kramer, 1943. Auflage: 500 nummerierte Exemplare.

1944  Rainer Maria Rilke: Les Cahiers de Malte Laurids Brigge. Buenos Aires, MCMXLIV (1944), János Peter Kramer, Éditeur; Auflage: 1000 nummerierte Exemplare. (erste franz. Ausg. 1926 bei Émile-Paul frères, éditeurs in Paris)

1944 Rainer Maria Rilke "Poésies complètes". Buenos Aires, MCMXLIV (1944), János Peter Kramer, Éditeur; Auflage: 1000 nummerierte Exemplare.

1944 Stefan Zweig: Amok, ou, Le fou de Malaisie. Buenos Aires, 1944, János Peter Kramer, Éditeur. Diese Buchausgabe enthält auch "Lettre d'une inconnue" (Brief einer Unbekannten).  Amok, ou le Fou de Malaisie, suivi de la Lettre d'une inconnue et des Yeux du Frère éternel, traduits de l'allemand par Alzir Hella et Olivier Bournac; Préface de Romain Rolland; erschien erstmals 1927 in Paris bei Stock, Delamain et Boutelleau.

1945 Peter Abelard & Héloïse: Les amours et les infortunes d'Héloïse et d'Abeilard. Buenos Aires, János Peter Kramer, 1945. Auflage: 1000 nummerierte Exemplare.

1946 folgte abermals in Zusammenarbeit mit der Phaidon Press in London die spanischsprachige Ausgabe für Südamerika des Standardwerkes von Abraham Bredius "Rembrandt cuadros escogidos" in Buenos Aires bei Janos Peter Kramer (The Paintings of Rembrandt, London 1937)

1948 eröffnete Kramer eine Buchhandlung in der eleganten Einkaufsstraße Calle Florida 960. Als Kunsthändler firmierte er unter der Bezeichnung Galería Kramer und handelte bis 1989 mit internationaler Kunst.

1964 und 1966 folgten noch je ein Katalog zu Kunstausstellungen an denen die Galerie Kramer beteiligt war.

Die Publikationen der Librería Pigmalión - Zur Buchhändlerin und Verlegerin Lili Lebach habe ich weiter oben auf dieser Seite bereits einige Informationen gegeben. Ihre 1942 publizierte Ausgabe der "Schachnovelle" ist auf dem Einbanddeckel mit einer Vignette illustriert. Der Künstler, der diese Illustration schuf, ist nicht im Buch genannt.

Einbandvignette zur Schachnovelle 1942 Buenos Aires
Vignette auf dem Einbanddeckel Foto © Elke Rehder

Der Künstler für die Einbandvignette der Schachnovelle war vermutlich Clément Moreau (* 26. März 1903 bei Koblenz am Rhein; † 27. Dezember 1988 in Sirnach in der Schweiz), mit bürgerlichem Namen Carl Josef Meffert. Er war mit Stefan Zweigs Literaturagenten und Freund Alfredo Cahn gut bekannt. Moreau flüchtete 1935 aus der Schweiz nach Argentinien, wo Cahn bereits seit 1924 in Buenos Aires tätig war. Moreau arbeitete dort unter anderem als Illustrator für das Argentinische Tageblatt, der 1874 von Johann Alemann gegründeten deutschsprachigen Auslandszeitung und für die von Alemann ins Leben gerufene Pestalozzi-Schule. Seine Linolschnitte erfreuten sich bald großer Beliebtheit und es ergab sich in mehreren Bereichen eine enge und freundschaftliche Zusammenarbeit mit Alfredo Cahn.

 

 Clément Moreau  Künstler und Illustrator Carl Josef Meffert
Der Künstler Clément Moreau (d. i. Carl Josef Meffert) fotografiert 1979 von Erling Mandelmann (Wikipedia)

Mit großer Wahrscheinlichkeit hatte Alfredo Cahn den Künstler gebeten, für die von Zweig gewünschte kleine bibliophile Ausgabe eine passende Einbandillustration zu fertigen. Alfredo Cahn hatte 1942 nach der Rückkehr von seiner längeren Reise aus Rio de Janeiro den Wunsch, die Veröffentlichung der Schachnovelle in deutscher Sprache möglichst schnell zu realisieren. Für deutschsprachige Bücher bot sich die wenige Monate zuvor gegründete Buchhandlung Pigmalión an. Die Organisation dieser Publikation lag in den Händen von Alfredo Cahn. Cahn war 1942 noch stark mit der Übersetzung von Zweigs "Die Welt von Gestern" beschäftigt. Die erste spanischsprachige Ausgabe seiner Übersetzung erschien 1942 im Verlag Claridad in Buenos Aires unter dem Titel "El mundo de ayer". Alfredo Cahns Übersetzung der Schachnovelle erschien erst 1945 unter dem Titel "Una Partida de Ajedrez" (Una partida de ajedrez; Una carta : (Dos narraciones póstumas) im Verlag Espasa-Calpe Argentina. Die zwei Erzählungen aus dem Nachlass "Schachnovelle" und "Die spät bezahlte Schuld" wurden im Verlag von Espasa-Calpe in der Serie Collección Austral 541 erstmals in spanischer Sprache veröffentlicht. Ebenfalls im Jahr 1945 erschien die spanische Übersetzung von Ferenc Oliver Brachfeld (* Budapest 1908; † Quito 1967) unter dem Titel "El jugador de ajedrez" im Verlag Victoria in Barcelona (1945). Ab 1952 erschien dann in Barcelona im Verlag Editorial Juventud auch unter diesem Titel eine Übersetzung von J. Rico.

Aber der Künstler der Einbandvignette könnte auch Héctor Julio Paride Bernabo gewesen sein. Er war ein Maler, Kupferstecher, Zeichner, Illustrator, Töpfer, Bildhauer, Wandmaler, Forscher, Historiker und Journalist. Als Künstler ist er unter dem Namen Carybé international bekannt geworden. Er wurde in Lanús in der Provinz Buenos Aires am 7. Februar 1911 geboren. Später siedelte er nach Brasilien um und schloss dort unter anderem Freundschaft mit dem berühmten Schriftstellers Jorge Amado (1912-2001 in Salvador, Bahia). Carybé starb in Salvador, Bahia am 2. Oktober 1997.

1942 kehrte der Künstler Carybé von einer seiner Studienreisen durch andere südamerikanische Ländern nach Buenos Aires zurück und schuf Illustrationen für den Verlag Claridad (Sammlung Claridad Vol. 51); Autor: Enrique Amorim (1900-1960); Titel: La Carreta (Buenos Aires, 1942).

1943 zeigte er seine Kunstwerke in einer Ausstellung in der Galería Nordiska in einem großen Kaufhaus in Buenos Aires. 1943 illustrierte er eine Buchausgabe bei Pigmalión. In meinem Versandantiquariat biete ich diese relativ seltene Ausgabe zum Verkauf an. Nachfolgend sehen Sie meine Buchbeschreibung und einige Abbildungen:

Newton Freitas: Maracatú. Pigmalión, Buenos Aires, 1943 with illustrations by Carybé
Newton Freitas Maracatú photo © Elke Rehder - Einbanddeckel

Newton Freitas Maracatu 1943
Newton Freitas Maracatú photo © Elke Rehder - Titelblatt und Druckvermerk

Newton Freitas Maracatu 1943 Illustration Carybe
Newton Freitas Maracatú photo © Elke Rehder - Dedikation an Luis M. Baudizzone

Illustration von Carybe zu Maracatu von Newton Freitas
Newton Freitas Maracatú photo © Elke Rehder - Illustration von Carybé 1943

Carybé illustracion Maracatú 1943
Newton Freitas Maracatú  photo © Elke Rehder - Illustration von Carybé 1943

Newton Freitas: Maracatú, motivos tipicos y carnavalescos. Editorial Pigmalión, Buenos Aires, 1943. Format 20,2 x 13,4 cm. 76 S., 1 Bl. Mit Illustrationen von Carybé. (1 Vignette auf dem Einbanddeckel und 11 im Text, davon 8 ganzseitige). Das holzhaltige Kriegspapier ist normal nachgedunkelt. Einband der Broschüre und die ersten 10 Blatt mit Knickspur im Buchsteg, sonst gutes, sauberes Exemplar.

ARTIKEL-NR. A008400  Preis  95,00 € inkl. MwSt., zzgl. Versand DE 5 €, Europa 9 €. Lieferzeit 3-5 Tage. Zahlungsarten: PayPal / Überweisung.
 

 

Versandantiquariat Elke Rehder
Inhaber Elke Rehder
Blumenstr. 19
22885 Barsbüttel
USt-IdNr. DE172804871
Tel: +49 (0) 40 710 88 11  oder E-Mail: 

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